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Kommentare zu Zitaten von Meister Baso
Unterweisung von Meister Roland Yuno Rech, Sesshin in der Grube Louise, Okt. 2007

Samstag, Mondo

Frage: Ich habe den Eindruck bekommen, dass sich mein Glaube in die Unterweisung Buddhas vertieft. Andererseits habe ich große Zweifel, wie ich diesen Glauben in meinem Leben konkret einbinden kann. Vor einigen Jahren hat mir ein Dojo-Verantwortlicher das Logo seines Dojos gezeigt und gesagt, die drei Striche bedeuten Glauben, Zweifel und Entschlossenheit. Kannst du mir den Begriff Entschlossenheit erklären?

Roland Rech: Entschlossenheit ist die Entscheidung, egal was geschieht, trotz Zweifel mit der Praxis weiterzumachen. Wir müssen den Zweifel als Teil des Glaubens betrachten. Es gibt keinen Glauben ohne Zweifel und keine Zweifel ohne Glauben. Wenn wir das verstehen, werden wir nicht von unsern eigenen Zweifeln verschreckt, wir finden sie normal. Zweifel sind im Gegenteil eine Gelegenheit, unseren Glauben zu vertiefen. Dies bestärkt unsere Entschlossenheit weiterzumachen und über die anscheinenden Widersprüche unseres Geistes hinaus zu gehen. Kannst du mir ein Beispiel deiner Zweifel nennen?

F,: Manchmal frage ich mich, welche meine Mission als Zen-Schülerin in diesem und im zukünftigen Leben ist.

R.R.: Deine Mission könnte unter anderem sein, in Zukunft die Verantwortlichkeit für ein Dojo zu übernehmen. Ich glaube, dass du die Fähigkeiten dazu hast. Dies würde der Sangha zum Beispiel einen Dienst erweisen.

F.: Für mich ist es schwer, zwischen einer gesunden Entschlossenheit und einer versessenen Willenskraft zu unterscheiden.

R.R.: Deine Entschlossenheit ist positiver Art. Sie drückt Glaube und Vertrauen in den Weg aus und lässt sich nicht von Zweifeln ins Wanken bringen. Sie wird durch das Verständnis bestärkt, dass man letztlich mit seinem eigenen Ego nicht den Weg realisieren kann.

Unsere persönliche Willenskraft hat Grenzen. Wenn wir uns stattdessen der Zazen-Praxis und der Praxis des Weges mit der Sangha, gyoji, widmen, wird diese Praxis selber Erwachen. Weil wir dieses erfahren und spüren, weil wir uns dank dieser Praxis in unserem Leben freier fühlen, weil wir weniger Schwierigkeiten haben, wird unsere Entschlossenheit durch die Erfahrung verstärkt. Dabei muss es die Praxis sein, die uns zieht, wie etwas, das uns über uns selbst hinaustreibt.
Was du versessene Willenskraft nennst, ist das Ego, das begreifen und etwas erreichen will. Zum Beispiel will es nicht seine Richtung ändern und sich selber nicht in Frage stellen. Mit dieser Art von Willenskraft, die aus Ego kommt, geraten wir mit dem Weg in Konflikt. Daher wird sie zur Quelle von Leiden. Dies erzeugt einen Teufelskreis. Wenn wir unter dem Weg, den wir praktizieren, leiden, gibt es keinen Ausweg. Oder man sagt sich, ich praktiziere nicht genug, mein Wille ist zu schwach. Dann neigt man dazu, die Versessenheit zu verstärken, anstatt sie loszulassen.

Eine gute Art, um die Entschlossenheit zu stärken, ohne versessen zu werden, ohne zu sehr den Willen zu nutzen, ist, sich wirklich dem Weg zu widmen. Um zum Beispiel Dojo-Verantwortlicher zu werden, muss man völlig Vertrauen in den Weg haben. Nicht ICH will alle Probleme des Dojos lösen, nicht ICH werde die Leute dazu bringen, mit dem Geist des Erwachens zu praktizieren. Gerade indem man sein eigenes Ego beiseite schiebt, wird man zum Kanal durch den der Geist des Weges strömen kann.

Ich wiederhole gern die Worte Enos, dem sechsten Patriarchen zum Gelübde des Bodhisattva, alle Wesen zu retten: „Ich, Eno, sechster Patriarch, ich kann niemanden retten. Aber die Wesen können durch ihre eigene Buddha-Natur gerettet werden.“ Dieser Glaube, dieses Vertrauen in die Buddha-Natur, die wir mit allen Wesen teilen, ermöglicht es uns, die Praxis mit den anderen fortzuführen mit Entschlossenheit und ohne eine übermäßige persönliche Willensanstrengung aufbringen zu müssen. Man sagt sich, natürlich versuche ich zu helfen, aber ich weiß sehr gut, dass meine Hilfe begrenzt ist. Vor allem besteht die Hilfe darin, die Menschen auf den richtigen Weg zu führen, ihnen die Richtung zur rechten Praxis zu zeigen und sie dahin zu bringen, dass sie sich vom Weg mitziehen lassen.

 

Frage: Gestern hast du ausführlich auf die Frage nach dem Geist und dessen Weiterleben nach dem Tod geantwortet. Weißt du das oder glaubst du es? Und wenn du es weißt, woher weißt du es?

R.R.: Weder weiß ich es, noch glaube ich daran. Es liegt dazwischen. Ich denke, wie ich gestern gesagt habe, dass es das beste Verständnis ist. Wenn ich Leben und Tod auf diese Weise betrachte, ist mein Geist wesentlich positiver und viel entschlossener, den Weg zu praktizieren. Ich finde, dass diese Sichtweise augenblicklich richtiger ist als irgendeine andere. Selbst wenn man im Moment sagt, es handele sich um einen Mythos, um eine Vision der Welt, die wissenschaftlich nicht bewiesen werden kann, halte ich sie für einen äußerst positiven Mythos, weil sie einen Sinn für die Menschheit ergibt.

Ich selbst habe keine Erfahrungen aus meinen früheren Leben. Ich kann dir jetzt nicht sagen, während der Meditation habe ich gesehen, dass ich früher diese oder jene Wiedergeburt hatte. Und ich kann auch nicht sehen, welche Art von Wiedergeburt ich in Zukunft erfahren werde. Diese Art von Erfahrungen suche ich auch gar nicht. Vielleicht würde ich etwas finden, wenn ich in dieser Richtung suchen würde. Es gibt gewisse Meditationsarten, die es ermöglichen, in frühere Leben zurückzugehen oder eine klare Sicht auf die Zukunft zu bekommen. Danach trachte ich nicht. Ich konzentriere mich auf das Hier und Jetzt, weil ich denke, dass die ganze Vergangenheit durch das, was ich hier und jetzt praktiziere, umgewandelt wird und dass meine Zukunft aus dem, was ich hier und jetzt praktiziere, entsteht.
Das heißt nicht, dass ich nicht an frühere oder zukünftige Leben glaube. Ich glaube daran. Mein Leben und meine Art und Weise, hier und jetzt zu praktizieren, ist mit diesem Glauben besser. Das habe ich erfahren.

Aus diesem Grund sage ich auch nicht, ihr müsst so denken wie ich. Ich glaube es und erkläre euch, warum ich diesen Glauben angenommen habe. Und ich habe ihn angenommen, nachdem ich über die Unterweisung von Buddha und Dogen gut nachgedacht habe und indem ich beobachte, was in meinem eigenen Leben geschieht und auch im Leben der andern. Aber ihr könnt durchaus praktizieren und euch sagen, dass ihr nicht an frühere oder zukünftige Leben glaubt, was der Fall bei einigen meiner Schüler ist. Wenn man mir derartiges sagt, erwidere ich, schade, aber ganz wie ihr wollt. Ich kann nicht darauf bestehen, dass ihr die Dinge so seht. Aber ich bin davon überzeugt, dass sie besser als die nihilistische Sichtweise ist.

Mein eigener Meister, Meister Deshimaru, hat mich nie gedrängt, an frühere oder zukünftige Leben zu glauben. Aber er sprach vom Karma. Wenn man vom Karma spricht, impliziert es frühere und ein zukünftige Leben. Er beharrte allerdings darauf, dass man sein Karma hier und jetzt umwandelt, was übrigens die einzige Art und Weise ist, es umzuwandeln: hier und jetzt.
Was die Praxis angeht, unterweise ich das gleiche. Aber wegen ihrer Auswirkung auf unsere eigene Existenz finde ich es schade, in der materialistischen Welt, in der wir heute leben, nicht diese Sichtweise von aufeinanderfolgenden Leben zu haben. Wenn man so denkt, kann man sehen und erfahren, dass diese Sichtweise unsere Art hier und jetzt zu leben ändert.

 

Frage: Ich habe eine Frage zum Ego ohne Substanz und zur Verantwortung. Man könnte es auch so formulieren: Hat eine Welle Mitgefühl? Du hast vorhin Zustände beschrieben, mit denen wir uns harmonisieren. Und das Ego oder das Bewusstsein kommt und geht und verschwindet auch wieder. Was sie verbindet ist Erinnerung. Aber wo ist der Platz für Mitgefühl?

R.R.: Damit Mitgefühl entsteht, muss ein Bewusstsein für die andern da sein. Das Mitgefühl impliziert ein persönliches Bewusstsein. Mitgefühl haben heißt, sich jemand anderem zuzuwenden. Dazu muss ein anderer da sein. Wenn es kein eigenes Bewusstsein gibt, gibt es kein Bewusstsein für andere. Dann kann man nicht von Mitgefühl sprechen.
Es gibt Wellen, die Schiffe in die Tiefe reißen und einen Schiffbruch verursachen, und es gibt Wellen, die einen Ertrinkenden ans Ufer spülen und ihn auf diese Weise retten. Es gibt Wellen, die überfluten und Wellen, die retten. Aber es ist klar, dass die Wellen keine Absichten haben. Im Mitgefühl gibt es jedoch eine Absicht. Da ist das Bewusstsein für den anderen und seiner Leiden. Man versetzt sich in seine Lage und spürt nicht nur Empathie, sondern versucht auch, mit Weisheit zu handeln, um ihm zu helfen. Mitgefühl benötigt Weisheit, also Überlegung. Warum stellst Du diese Frage?

F.: Wenn das Ego keine Substanz hat, frage ich mich, wo Mitgefühl stattfindet.

R.R.: Wir benötigen doch keine Substanz, um mitfühlend zu sein. Ich glaube sogar, dass wir nicht mitfühlend sein könnten, wenn das Ego Substanz hätte. Wenn das Ego etwas Substanzielles wäre, würde es bedeuten, dass es durch sich selbst existierte und autonom wäre. Es wäre verschlossen gegenüber dem Kontakt mit andern und mit der Welt. Man kann Mitgefühl haben, weil man nicht verschlossen ist, weil man völlig offen ist, weil man mit den anderen in Abhängigkeit steht. Wir können zumindest für einige Augenblicke unsere ichbezogene Position verlassen, uns selbst vergessen und uns in die Lage des anderen versetzen. Das bedeutet, dass das Ego nicht substanziell sein kann. Es kann nicht in sich geschlossenen sein, es kann nicht etwas sein, das durch sich selbst besteht. Es muss etwas sein, das offen für die Beziehung ist. Im Gegensatz zum Ego sieht das wahre Selbst ein, dass wir nur durch Beziehungen existieren. Genau dies begründet das Mitgefühl.

Diese Frage zeigt, dass es hier immer noch schwierig ist, die Leerheit zu verstehen. Nicht nur hier übrigens, Nagarjuna selbst hatte dieses Problem mit seinen Gegnern. Weil er auf die Leerheit beharrte, nannten seine Gegner ihn einen Nihilist. Er aber sagte: „Ihr versteht nicht, dass Leerheit wechselseitige Abhängigkeit bedeutet und nicht das Nichts.“ Wenn man sagt, das Ego sei ohne Substanz, dann bedeutet dies nicht, dass es kein Ego gibt, sondern dass es nur in Beziehungen existiert. Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir eine Funktionsweise des Egos entwickeln, die weniger egozentrisch, weniger egoistisch ist.
Wenn das Ego Substanz hätte, würde man, wenn man unwissend wäre, sein ganzes Leben lang unwissend bleiben. Es wäre ein Teil unserer eigenen Substanz, und wir könnten uns niemals verändern. Mit einem substanziellen Ego wäre Veränderung nicht möglich und wäre Erwachen nicht möglich. Gerade weil das Ego keine Substanz hat, ist alles möglich, und wir können, insbesondere aus der Illusion, zum Erwachen gelangen. Ein substanzielles Ego kann sich nicht ändern, es kann nicht erwachen. Es würde bleiben wie es ist, und ein unwissender Mensch würde unwissend bleiben.

Täuscht euch nicht über die Bedeutung der Nichtsubstanz des Egos. Man kann sagen, dass es eine Funktion des Geistes ist, die in immerwährendem Werden, in ständiger Veränderung ist, die erwachen oder sich etwas vormachen kann. Wer zum Beispiel Zazen praktiziert, ist in einem Zustand, in einer wechselseitigen Verbindung, die das Eintreten des Erwachens ermöglichen kann.

 

Frage: Während dieses Sesshins tut mir das Sitzen gut. Wenn ich deinem Kusen zuhöre, merke ich, dass da etwas passiert. Dennoch habe ich bei gewissen Regeln Widerstände entwickelt. Zum Beispiel musste ich mir, um beim Servieren mitzuhelfen, ein Rakusu ausleihen. Warum ist es so wichtig, dass ich es trage?

R.R.: Du hilfst beim Servieren als Schüler Buddhas aus und nicht als persönliches Ego. Das Rakusu geht über mich selbst hinaus, wenn ich es trage. Es ist die Dimension der Weitergabe Buddhas. Aus diesem Grund tragen es nicht nur die Helfer beim Servieren. Alle, die im Dojo eine Verantwortung haben, tragen ein Rakusu oder ein Kesa. Jeder, dem eine Verantwortlichkeit aufgetragen wird, verrichtet sie als Schüler Buddhas, als Schüler des Weges und nicht als Person. Dafür steht das Rakusu als Symbol.

F.: Warum ist dieses Symbol so wichtig? Ich kann doch auch diesen Geist haben ohne dieses Symbol.

R.R.: Natürlich, glücklicherweise. Aber das Symbol ist ein Mittel, um sich diesen Geist in Erinnerung zu rufen. Zum Glück wohnt die Buddha-Natur nicht im Rakusu, sie ist in dir. Aber weil wir alte Gewohnheiten, alte Konditionierungen haben, sind wir vergesslich. Wir vergessen, dass wir Buddha sind. Das Rakusu erinnert uns daran, und dann handeln wir eher wie ein Buddha und nicht wie ein gewöhnlicher Mensch. Es ist eine Hilfe. Meister Deshimaru sagte zum Beispiel: „Wenn ihr in eine Kneipe geht und Alkohol trinkt, dürft ihr nicht euer Rakusu anlegen.“ Am ersten Abend auf diesem Sesshin habe ich mich an die Unterweisung meines Meisters erinnert und kein Rakusu getragen, als ich in die Bar ging. Dann habe ich bemerkt, dass ich dazu neigte, etwas zu viel zu trinken. Gestern Abend trug ich das Rakusu und trank weniger. Es kann passieren, dass es Flecken bekommt, aber wenn ich es trage, passe ich besser auf.