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Zazen im Knast

Einmal im Monat gehe ich in den Knast. Freiwillig. Denn da mache ich mit einigen Insassen Zazen. Einer von ihnen hatte uns angeschrieben mit der Bitte, eine Zazengruppe in der Justizvollzuganstalt zu gründen. Nach mehreren Monaten klappte es auch und seit Januar 2008 sitzen wir dort regelmäßig.

Die Regeln im Knast sind strikt: Zafus sind nicht erlaubt, wir sitzen auf zusammengefalteten Anstaltsdecken. Genau zwei Stunden Zeit haben wir und keine Sekunde länger. Wir mussten schon mehrmals die Schuhe auf dem Gang anziehen, weil wir den Raum verlassen mussten. Nur minimale Ausstattung ist erlaubt; um jedes Zubehör wie Buddha, Glocke, Kusenmappe, Räucherstäbchen musste ich anfangs heftig mit den Beamten verhandeln. Aber wir improvisieren, und die Hauptsache ist, dass wir Zazen praktizieren.

Da die Zeit knapp ist, muss ich die Einführung für die Anfänger einschränken. Zeremonien werden angepasst, aber das Hannya Shingyo rezitieren fast alle mittlerweile mit lauter, fester Stimme.

Viele haben körperliche Beeinträchtigungen und somit Schwierigkeiten, die Zazenhaltung einzunehmen. Aber sie strengen sich an. Überhaupt die Haltung: im Dojo und auf Sesshins fasst man den Leuten einfach ans Kreuz, um sie zu verbessern. Hier frage ich jedes Mal höflich (und voll Respekt...), ob ich die Haltung verbessern darf. Die Teilnehmer sind alle „schwere Jungs“, das heißt sie sitzen für viele Jahre ein. Warum, will ich nicht wissen, darüber können sie mit ihren Therapeuten reden. Ich möchte nicht ignorant sein aber unbefangen mit ihnen umgehen. Gewaltverbrecher sind dabei, soviel weiß ich, nur keine Vergewaltiger und Kinderschänder, weil die separat untergebracht sind und keine Vergünstigungen bekommen.

Angst habe ich nie, wenn ich die zwei Stunden mit „meinen Jungs“ allein verbringe. Sie sind etwa 25 – 60 Jahre alt, ungefähr ein Drittel sind Moslems und sie sitzen stramm. Obwohl einige einen kaputten Rücken, kaputte Knie oder jede Menge Metall von Brüchen im Körper haben, bemühen sie sich ernsthaft um eine für sie optimale Haltung.

Sie sind sehr begierig auf einen Austausch, sie wollen kein lockeres Gespräch, sondern über ihre Praxis, über das gehaltene Kusen oder über eine bestimmte Stelle im Shobogenzo reden. Oder über Zen im Alltag, der hier ja so anders ist als draußen. Für mich ist es jedes Mal anstrengend, eine Herausforderung. Wenn ich Kusen für sie schreibe oder wenn wir reden, muss ich gut aufpassen, weil ihr Leben und ihre Umstände so anders sind. Da kommen schon mal Fragen wie: „Ist das okay, wenn ich einen Kinderschänder verhaue? Damit tu ich doch was Gutes.“

Schade ist es jedes Mal für die Gruppe, wenn ein eifriger Zenschüler entlassen oder verlegt wird. Natürlich hören einige nach 3-4 Mal Zazen auch auf, weil es zu anstrengend ist oder weil es keine Kekse gibt. Aber die, die bleiben, praktizieren sehr ernsthaft. Sie haben Zeit, sich damit zu beschäftigen, jeder auf seine Art. Wir haben in der Sangha auch schon jede Menge buddhistische Bücher gesammelt und der Knastbücherei gestiftet, sodass jeder Zugang zu ihnen hat. Einige haben sich sogar Bücher wie das Shobogenzo gekauft.

Für mich ist es erfrischend zu sehen, wie sehr sich einige mit der Praxis verändern. Das ist in diesem Mikrokosmos des Gefängnisses eher ersichtlich als draußen. Sie fangen an, sich zu öffnen, sie lernen, sie beginnen zu verstehen und stellen richtige Fragen, sie wollen mehr lernen und sind begierig auf Unterweisung.

Zwei von ihnen baten um die Bodhisattva-Ordination. Ich besprach das mit Zen-Meister Roland Rech. Er stimmte zu, und so gab ich den beiden Extra-Ordinationsunterricht, was die Beamten im Knast nicht so gut fanden, da es für sie Mehrarbeit bedeutete. Aber mit Hilfe des Sozialleiters konnte ich mit einigen Leuten aus unserem Dojo die Ordinationen in Vertretung vom Zen-Meister im Knast durchführen, auch sehr improvisiert, aber genau wie auf den Sesshins mit denselben Sutren, den Sanpais, den Gelübden, der Reuezeremonie, den Rakusus, der Transmission. Sie wurden von uns in die Sangha aufgenommen. Sie tragen nun ihre Rakusus beim Zazen, ganz selbstverständlich.

Einmal im Monat gehe ich in den Knast und helfe einigen Insassen beim Gefängnisausbruch. Nicht aus dem Haus mit den Gitterstäben an den Fenstern und den vielen Sicherheitstüren, sondern aus dem Knast in ihrem Kopf, in ihrem Körper. Die meisten, die entlassen werden, tragen den Knast ihr Leben lang in sich. Die, die Zazen machen, lassen den schon im Gefängnis hinter sich.