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Guckst Du | Texte | Mondo - Fragen an einen Zen-Meister

Handeln mit Mitgefühl

Frage:
Wie handelt man mit Mitgefühl? Wenn mir einer eine Ohrfeige verpasst, muss ich ihm dann die andere Wange hinhalten?

Roland Yuno Rech:
Nicht unbedingt, denn Mitgefühl setzt nicht immer Freundlichkeit oder Sanftheit voraus. Mitgefühl ist, nicht aus Egoismus zu handeln, sondern das zu tun, was in dem Augenblick richtig ist, um dem anderen zu ermöglichen, sein eigenes Leiden zu lösen. Manchmal brauchen die Menschen Freundlichkeit oder Hilfe, aber ein anderes Mal brauchen sie eine laute Zurechtweisung oder eine starke Reaktion. Wichtig ist, dass die Reaktion nicht aus egoistischen Motiven oder aus Hass entsteht, sondern aus dem Herzen kommt.

Mitfühlend handeln heißt, zum Wohle des anderen zu handeln, so zu handeln, dass es dem anderen in dem Moment guttut. Dazu gibt kein Rezept, keine Anleitung. Wer wirklich mit Mitgefühl handeln will, braucht Weisheit. Meister Deshimaru sagte: „Es kann kein Mitgefühl ohne Weisheit geben“, denn ohne Weisheit können wir nicht erkennen, was dem anderen wirklich in diesem Augenblick hilft. Eine Eigenschaft des Bodhisattvas ist, je nach Situation alle Arten von geeigneten Mitteln frei zu benutzen, um dem anderen zu helfen.

Man muss den anderen verstehen können. Aber dazu muss man erst sich selbst und seine eigenen Illusionen verstehen und erkennen, dass der andere sich in der Tiefe nicht von einem unterscheidet. Ansonsten neigt man dazu, einen intoleranten Geist zu entwickeln und zu denken, dass der andere im Irrtum ist oder nichts begreift. „Wie dumm kann man nur sein, um derartigen Illusionen zu folgen? Wie kommt es, dass er nicht sieht, was richtig und offensichtlich ist und was ich verstanden habe?“ Aus diesem Geist kann kein Mitgefühl entstehen, und er zeichnet sich auch nicht durch Weisheit aus.

Wahres Mitgefühl heißt, zuerst akzeptieren, dass wir selber Fehler und Illusionen haben. Dies ermöglicht uns, den anderen in seiner Wirklichkeit zu akzeptieren, so wie er ist, und nicht so, wie wir ihn gerne sehen würden.
Von dieser Akzeptanz ausgehend können wir helfen, indem wir uns in ihn hineinfühlen. Indem wir der andere werden, können wir ihn verstehen. Aber wir dürfen nicht völlig der andere werden, sonst verfallen wir in eine Art Kumpelei und machen uns mit dem anderen gemein: „Ja, genau, das finde ich auch. Du hast Recht, ich sehe es auch so.“ Am Ende wäre es so, als ginge man mit einem Ertrinkenden, dem man die Hand gereicht hat, unter, anstatt ihn aus dem Wasser zu ziehen. Daher ist es wichtig, gleichzeitig eins mit dem anderen zu sein und ihm die Hand zu reichen, aber auch in der Lage zu sein, sich am Ufer festzuhalten, um nicht mit ihm zu ertrinken.

Im Zazen sitzen wir der Wand gegenüber, wir sitzen uns selbst gegenüber und bleiben konzentriert auf unseren Körper und die Atmung. Dabei beobachten wir, was in unserem Geist hervorkommt, Gedanken, Erinnerungen, Emotionen. Wir beobachten nur, ohne etwas aufzugreifen, ohne uns von diesen Phänomenen einnehmen zu lassen. Beim nächsten Atemzug lassen wir sie vorbeiziehen.
Wir sind ein stiller Beobachter unserer geistigen Phänomene. Wir können sie als das sehen, was sie sind: eben nur geistige Phänomene. Und wir können uns sehen, was wir sind, wenn wir uns nicht mit diesen geistigen Phänomenen identifizieren.

Im Zazen lernen wir uns wirklich kennen. Wir können erkennen, wie unsere geistigen Phänomene entstehen, wie wir sie festhalten und manchmal durch sie leiden. Und wir können erkennen, dass sie eigentlich keine Substanz haben, so dass sie unser Leben gar nicht bestimmen müssen und wir sie frei loslassen können.
Den anderen geht es genauso, daher können wir unsere Erfahrung teilen und mit Mitgefühl handeln.

RoSi-9307 06/17

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