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Guckst Du | Texte | Kusen - Mündliche Unterweisungen im Dojo

Der erste Aspekt des Erwachens

Aus welchem Grund auch immer ihr ins Dojo gekommen seid, vergesst ihn während Zazen. Konzentriert euch immer wieder auf die Körperhaltung, und folgt eher eurer Atmung als euren Gedanken. Dies ist der beste Weg, um sich von dem Geist zu befreien, der Unterscheidungen, Gegensätze und Trennungen schafft. Es ist der beste Weg, um seine ursprüngliche Harmonie mit seiner Buddha-Natur wiederzufinden, anders gesagt, um zu erwachen und wie Buddha zu werden. So können wir einen freien Geist bekommen und Frieden erlangen, und zwar nicht nur für uns selbst, denn diese Freiheit und dieser Frieden strahlen wir aus.

Kurz vor seinem Tod beschrieb Buddha Shakyamuni die Acht Aspekte des Erwachens. Diese Unterweisung ist sehr wichtig, weil sie uns hilft, das Erwachen zu verwirklichen und umzusetzen.
Wir sind nicht nur auf dem Weg, um das Erwachen zu erlangen, sondern es geht darum, auf erwachte Weise voranzugehen. Dies entspricht dem grundlegenden Prinzip des Zen von Meister Dogen: Praxis und Verwirklichung sind eins.
Daher sollte man eher auf die rechte Praxis achten, anstatt seinen Vorstellungen über den Weg anzuhaften. Mit der rechten Praxis wird der Weg auf natürliche Weise verwirklicht, ohne dass man an ihn denkt.

Der erste Aspekt des Erwachens ist, frei von jeder Gier, von jedem gierigen Verlangen zu sein. Es geht darum, wie Meister Dogen sagte, die fünf Arten des Verlangens aufzugeben. Hierbei handelt es sich um die Gier nach Besitz, nach Nahrung, nach Schlaf, nach sexueller Befriedigung und nach Anerkennung, Ehren oder Macht.
Das bedeutet nicht, jeden Wunsch oder jedes Verlangen aufgeben zu müssen, denn oft entspricht es einem natürlichen Bedürfnis. Wer hungrig ist, hat ein Verlangen nach Nahrung, wer durstig ist, wünscht etwas zu trinken, wer müde ist, möchte schlafen, genauso kann man den Wunsch verspüren zu erwachen.
Ein Wunsch ist demnach nicht immer negativ. Er motiviert uns und gibt unserem Leben eine Richtung. Menschen, die gar kein Verlangen mehr verspüren, verfallen in eine Depression.

Leider sind nur wenige Menschen erwacht. Wir leben in einer materialistischen Welt und verfolgen alle möglichen Wunschobjekte ohne nachzudenken. Solange wir unseren tiefsten Wunsch noch nicht entdeckt haben, multiplizieren sich unsere Wünsche, da wir nie eine wirkliche Befriedigung erlangen. Viele Menschen verfallen dem Alkohol, Rauschmitteln oder suchen andere Ersatzbefriedigungen, um ihr Mangelgefühl zu stillen.

Meister Deshimaru sagte: „Der Bodhisattva hat nur einen einzigen Wunsch: zum Wohle aller Wesen zu erwachen.“ Wenn man diesen Wunsch verspürt und sich auf die Praxis konzentriert, um ihn zu verwirklichen, werden alle anderen Wünsche viel weniger wichtig. Man kann sich damit begnügen, ein einfaches Leben zu führen. Man sorgt für die Gesundheit seines Körpers und seines Geistes und schafft kein Leiden, weil der Geist im Grunde zufrieden ist, den Weg gefunden zu haben und den rechten Weg beschreiten zu können.

Dann bekommt das Leben seinen wahren Sinn. Besonders heute fehlt er den Menschen, denn in unserer Gesellschaft herrscht ein Mangel an Spiritualität. Dieser Mangel wird von manchen ausgenutzt, indem sie fanatische Glaubensvorstellungen propagieren. Spiritueller Fanatismus und Materialismus gehören zu den größten Gefahren unserer heutigen Gesellschaft.
Es ist wichtig, dass wir uns auf den Weg konzentrieren, auch im Alltag. Nicht nur für uns selbst, sondern um fähig zu sein, eine spirituelle Hilfe anzubieten, so wie wahre Bodhisattvas.

RoSi-1701 12/2017

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