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Guckst Du | Texte | Kusen - Mündliche Unterweisungen im Dojo

Eine Fliege summt

Meister Deshimaru erzählte gerne die Geschichte eines Samurai, der bei einem großen Meister lernte, mit dem Schwert umzugehen. Im ersten Jahr lehrte der Meister seinen Schüler, entlang der Tatami in Kinhin zu laufen. Tatamis sind japanische Bodenmatten aus Reisstroh. Im zweiten Jahr brachte er ihm bei, mit der Axt Holz zu hacken. Nun wurde der Lehrling ungeduldig, weil sein Meister bisher nie Schwertübungen mit ihm gemacht hatte und fragte ihn eines Tages: „Wann werdet ihr mir beibringen, mit dem Schwert umzugehen?“ Da brachte der Meister ihn an den Rand einer Schlucht. Über dem Abgrund lag ein Baumstamm, der als Brücke diente. Der Meister sagte zu seinem Schüler: „Los, geh darüber zur anderen Seite.“ Der Samurai-Lehrling traute sich nicht, den Baumstamm zu betreten und über den tiefen Abgrund zu schreiten. Da sagte der Meister: „Ein ganzes Jahr lang hast du gelernt, auf dem Rand der Tatami zu gehen, Schritt für Schritt. Hier machst du genau das Gleiche.“ Aber der Schüler wagte weiterhin nicht, einen Fuß auf den Baumstamm zu setzen. In dem Moment näherte sich ein Blinder der Schlucht. Mit seinem Stock ertastete er den Baumstamm und überquerte daraufhin den Abgrund. Der Samurai sah ihm zu, verstand und folgte ihm zur anderen Seite.

Wenn wir etwas sehen, etwas riechen, schmecken oder fühlen, wenn wir einen Gegenstand oder eine Situation wahrnehmen, wird unser Geist angeregt und fügt meistens eine Erinnerung, eine Assoziation oder andere Gedanken hinzu. Dies ist in vielen Fällen nützlich. Wenn ich einen weißlich-bläulichen Belag auf der Apfelsine sehe, erinnere ich mich, dass Schimmel schädlich ist, und esse sie daher nicht.

Aber manchmal ist es nicht so eindeutig. Wenn mir eine Person vorgestellt wird, die mich an jemanden erinnert, mit dem ich früher mal ein unschönes Erlebnis hatte, begrüße ich sie nicht offen und ungezwungen sondern eher zurückhaltend. Wenn ich meinen Partner sehe, wie er jemand anderen umarmt, weckt dies in mir Unruhe oder gar Eifersucht. Lasse ich mich zu stark von dieser Eifersucht leiten, könnten schädliche Folgen daraus entstehen.
Wir projizieren unsere Gedanken, Erinnerungen, Konditionierungen auf Dinge, die wir wahrnehmen und sind uns dieser Funktionsweise oft nicht bewusst. Dadurch verstehen wir nicht, dass andere Menschen die Dinge anders sehen als wir. Weil wir uns im Recht fühlen, entstehen Diskussionen und Konflikte.

Um die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist, lehrte Buddha Shakyamuni nicht, die Augen zu schließen, das Gesicht zu verdecken oder sich die Ohren zu verstopfen. Er lehrte nicht, die Wahrnehmungen zu ignorieren oder sich ihnen zu entziehen. Er lehrte, sich dieser Funktionsweise bewusst zu werden.
Was passiert gerade? Sehe ich die Dinge, so wie sie sind? Welche Gefühle, Gedanken oder Begierden füge ich dem, was ich wahrnehme, hinzu? Wenn ich es nicht schaffe, diese Funktionsweise zu erkennen, unterliege ich meinen Illusionen, indem ich meine relative Wirklichkeit für absolut und einzig halte.

Es ist ein wesentlicher Teil der Zazen-Praxis, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren und zu beobachten was geschieht. Die Wahrnehmungen beobachten, beobachten, was sich daraufhin im Geist regt und wie sich aus beiden Elementen im Bewusstsein ein relatives Bild bildet. Wenn uns diese Funktionsweise vertraut wird, werden wir nicht von den Wahrnehmungen automatisch in Bewegung gesetzt. Wir können beobachten, was ist und was der Geist hinzufügt, und haben dann die Freiheit, darauf zu reagieren oder nicht.

Eine Fliege summt und schwirrt um mich herum. Boah, ist die lästig! So kann ich mich nicht konzentrieren. Die versaut mein ganzen Zazen!

Oder:

Eine Fliege summt und schwirrt um mich herum. Sie lässt sich auf der Stirn nieder, die Haut kitzelt. Die Fliege krabbelt. Ich spüre das Verlangen, sie wegzuscheuchen. Einatmen, ausatmen.
Die Fliege fliegt fort.
Einatmen, ausatmen.

RoSi 0002-02/2015