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Guckst Du | Texte | Kusen - Mündliche Unterweisungen im Dojo

Sich selbst kennenlernen

Im Shobogenzo von Meister Dogen im Kapitel Genjo Koan heißt es: „Den Weg ergründen heißt sich selbst ergründen.“ Manchmal wird es auch mit „sich selbst studieren“, „sich selbst erforschen“ übersetzt. Das japanische Wort narau hat eine umfassendere Bedeutung als ergründen, studieren, erforschen. Manchmal wird es auch mit „lernen“ übersetzt.

Was gibt es da zu lernen, zu ergründen? Was gibt es bei mir zu erforschen? Ich kenne keinen Menschen so gut wie mich selbst, und niemand kennt mich besser als ich. Warum soll mir der Buddha-Weg zugänglicher sein, wenn ich mich selbst studiere anstatt Sutras, Bücher oder alte Texte? Warum führt der weite, unermessliche Buddha-Weg durch mein kleines Inneres?

Weil ich nicht getrennt bin, weil ich eins bin mit allem Dasein, mit dem Universum. Indem man sich selbst beleuchtet, indem man erkennt, wie man funktioniert, erkennt man die Funktionsweise des Universums.

Im Zazen, wenn die Stille einkehrt und der Geist sich beruhigt, kann man verstehen, dass man mehr ist, als ein Mann oder eine Frau eines gewissen Alters, mit bestimmten Eigenschaften, Vorlieben und Abneigungen, mit einer Geschichte. Man begreift, dass das Bild, das man sich im Laufe der Jahre von sich selbst gemacht hat, eine Konstruktion ist, dass die rosa Brille, durch die man den Alltag und auch sich selbst betrachtet, von Wunschvorstellungen und Konditionierungen gefärbt ist.

Im Zazen, wenn man Körper und Geist beobachtet und keinen Gedanken aufgreift, kann man plötzlich sehen, wie man wirklich ist, jenseits seiner Vorstellungen. Man erkennt seine Illusionen, bonno. Unangenehme Eigenschaften, die man sonst eher zu verbergen sucht, treten klar zu Tage.
Immer wieder sieht man Zen-Praktizierende, die, wenn sie an diesem Punkt der Selbsterkenntnis kommen, mit der Praxis aufhören. Sie haben den Eindruck, dass sich ihre negativen Eigenschaften durch die Zazen-Praxis verstärkt haben. Dabei offenbaren sich in Zazen nur Illusionen, die sie im Laufe ihres Lebens aufgebaut haben. Diese Menschen ziehen es vor, weiter mit der rosa Brille herumzulaufen anstatt der Wahrheit näher zu kommen.

Dabei bedeutet Satori Erwachen, erwachen zur Wirklichkeit, zu dem was ist, zu dem, wie wir nun einmal sind, mit all unseren Neigungen, den positiven und den negativen wie Wut, Gier, Neid, Faulheit oder Selbstgefälligkeit. Im ersten Augenblick kann dies schmerzhaft sein. Das Bild, das man von sich hat, bröckelt, aber dieses Bild ist nur eine Vorstellung, eine Illusion.

Wenn wir wie Buddha dem Leiden auf den Grund gehen wollen, müssen wir erst einmal uns selbst gegenüber die Augen öffnen und uns in unserer Gesamtheit annehmen, so wie wir sind. Das ist die Grundvoraussetzung für Veränderung und den Weg der Befreiung. Es reicht nicht aus, sich zurückzulehnen, die Welt zu beobachten und schlaue Kommentare abzugeben. Wahre Tiefe erlangen wir nur durch uns selbst.

Indem wir uns im Zazen beleuchten, ohne bewusst nachzugrübeln oder zu analysieren, indem wir den Geist zur Ruhe kommen lassen, können wir erkennen, wie wir funktionieren. Jeder für sich allein und doch gemeinsam, denn im Grunde stellen wir uns dieselben Fragen, im Grunde sind wir eins mit dem ganzen Universum.

Si 01/2012